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norbert beier-xanke

BEDEUTUNG VON FASSADEN - Langfassung 

Bisher hieß gestalten: Zusammenhänge herstellen, Beziehungen schaffen. Die Interaktion zwischen einem Bauwerk mußte Höhe, Maßstab, Material und Farbe seiner Nachbarschaft berücksichtigen. Aber im urbanen Dschungel der heutige Stadt ist es kaum mehr möglich, Architektur pur wahrzunehmen, ohne all die zufällig vorhandenen Schilder, Zeichen, Leuchtreklamen usw. Außerdem ändert sich die Gestalt der Fassade mit der Bewegung des Betrachters. Angeblich sind Funktion, Form und Raum out. Das, was Architektur einmal wesenhaft dominierte, wird allmählich ersetzt. Die Fassade soll nicht mehr repräsentieren, sondern informieren und unterhalten. Sie wird zum Screen!


Unser Bewusstsein in den westlichen Industrienationen ist heutzutage nahezu ganz auf die Außenwelt fixiert, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Dabei sind unsere Sinneswahrnehmungen sehr stark auf den visuellen Bereich fixiert, das heißt wir sind heute zu Augenmenschen geworden. Der Mensch nimmt nicht nur betont sondern überbetont mit dem Auge wahr. Überbetont deshalb, weil die anderen Wahrnehmungsinne in den Hintergrund geraten sind, da sie kaum noch angesprochen werden.  Jene Menschen, die fühlend und intuitiv Wahrnehmenden sind in unserer westlichen Kulturwelt nicht oder zumindest weniger gefragt.


Gleichfalls sind es im wesentlichen Bilder, neben Metaphern und Gleichnissen, die Emotionen erzeugen und uns spontan über ein inneres Flechtwerk reagieren lassen, das die Psychologie die emotionale Seele nennt. Unsere Gefühle und Emotionen haben unseren denkenden Geist fest im Griff und beinflussen unsere alltägliche Verhaltensweise entscheidend.


Die Bedeutung von der sichtbarer Außenwelt, was sich in der gebauten Welt vornehmlich als Fassade darstellt, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Deshalb muss die Gestaltung von Straßenzügen und Fassaden öffentliches Anliegen sein und kann nicht privaten Vorstellungen allein überlassen bleiben, zumindest aber sollten jene, die für die Fassaden mitverantwortlich zeichnen, sich darüber im klaren sein, was sie tun. Das öffentiche Anliegen kann aber nicht derart Handlung bedeuten, dass sie vorschreibt, wie etwas auszusehen hat, sondern mehr Spielraum in bestimmten Grenzen ermöglicht.


Eine Wechselwirkung zwischen äußeren Strukturen und emotionalen Zuständen des Menschen ist heute unbestritten, strittig ist allenfalls wie dieser Mechanismus funktioniert und wie welche Auswirkungen nachweisbar sind. Dabei können uns die Wissenschaften mit ihren neuen Erkenntnissen bereits neue Wege zeigen, zum Beispiel die Physik mit „den gegensätzlichen Zwillingen”, zum Beispiel die Biologie mit „den morphogenetischen Feldern”, zum Beispiel die Psychologie mit „der Gleichschaltung von Ursache und wirkung”.  -  Die „Kantsche” Denkweise (von Ursache und Wirkung als nacheinander geschaltete und in direkter Abhängigkeit bestehende Prinzipien) gelten nicht mehrt. Und wenn man die neue Form der algorithmischen Betrachtung von Wechselwirkungen mit in Betracht zieht, ist es um so mehr von Bedeutung. Leider sehen die modernen Algorithmen, soweit sie noch vom Menschen programmiert sind, diese Art der Wechselwirkung nicht als effizient im Sinne kapitalistischer Überlegungen an. Das liegt daran, dass diese Programme nicht von Architekten geschrieben werden und womöglich auch niemals geschrieben werden können, weil es einerseits dazu Spezialkenntnisse bedarf, die zum einen nur Computerfreaks besitzen und andererseits deren Auftraggeber, die das nötige Kleingeld bereitstellen, anderes im Sinn haben, als die Sinnlichkeit zu unterstützen. Der Marktwert des Menschen ist eher um so höher, je weniger er sich um seine Sinnlichkeit kümmert. Es wäre letztlich nur ein Störfaktor im System.


Die Wechselwirkung zwischen Fassade und Mensch entscheidet, ob von angenehmer oder störender Atmosphäre gesprochen wird. Urbanität und Attraktivität einer Stadt wird unter anderem von den Fassaden geprägt. Gleichfalls sind sie Ausdruck des Interieures und somit Symbol gesellschaftlicher Werte und Normen.


Fassaden als Teilaspekt von Architektur können ein Erleben ermöglichen, dass als Ausdruck von Freude oder von Lust gewertet werden kann, als eine Antwort auf einer Suche nach einer Höhle oder nach einem Nest. Corporate Identity meint dasselbe, wird jedoch häufig dazu verwendet, mehr oder gar anderes in Erscheinung zu bringen, als wirklich da ist. Gebäude sollen lebendiger Ausdruck derer sein, die in diesen Häusern leben und arbeiten. Was bedeutet es dann, wenn die Fassade wie tot empfunden wird. Die Fassade des Hauses ist wie das Gesicht eines Menschen. Das Gesicht spiegelt die innere Haltung des Menschen, des Erbauers, des Bauherrn, des Betreibers oder des Nutzers.


Wir geben auch ungewollt unserem Haus das Gesicht oder auch Nichtgesicht, dass unserer inneren Haltung und Überzeugung entspricht. Das gilt für Innenwände in Räumen gleichermaßen wie für Fassaden in Strassenräumen. Und sollten wir darauf nicht achten, kann dies auch von Unachtsamkeit zeugen.


Es handelt sich in jedem Fall um eine Art Energetisierung der Fassade, reichhaltig oder ärmlich, was nicht nur auf den Betrachter auf der Straße wirkt, sondern gleichfalls auch auf das Wohlbefinden der Bewohner und Nutzer des Hauses. Ähnlich den Kleidern, die nicht nur einen äußeren „Show-Effekt” erzielen, sondern oft erst die eigenen Stärken und Qualitäten der Menschen in Erscheining treten lassen und zur Geltung bringen.


Nun kennt ein jedes Kind das Sprichwort Kleider machen Leute. Ähnliches gilt auch für Fassaden. Sie könenn Kleid und Bekleidung aber auch Verkleidung sein. Insofern können sie zur Maske werden, ein Effekt, mit dem man auch spielen und täuschen kann, ob nun zum Wohle des Eigentümers oder des Betrachters, sei einmal dahin gestellt. Sie kann zur Theaterkulisse werden wie im Fall der Potemkinschen Dörfer.


Mit Hilfe einer Maske kann man sich so darstellen, wie man sich wünscht auszusehen, wie man sich wünscht, seitens anderer gesehen zu werden, angesehen zu werden. Sie kann, wenn die Maske nicht als Maske erkannt wird, durchaus zur Steigerung eines Selbstwertgefühls beitragen und dies durchaus im Sinn einer Gesundung der hinter ihr befindlichen Psyche.


Auch Gebäude kommen oftmals erst mit Hilfe ihrer Fassaden zu sich selbst, wenn man das einmal so sagen darf. In der Regel sollten sie gesunder Ausdruck ihrer Inhalte, der Funktionen der Gebäude sein, und der Bogen zwischen Funktion und Fassade sollte nicht zu sehr gespannt sein, sondern eher eine Entsprechung finden. Menschen, die mit ihren Kleidern spielen und mehr scheinen als sie sind, sind geneigt, auch mit den Fassaden ihrer Gebäude zu spielen. Corporate Identity nennt man es im besten Fall, und meint damit, dass Übereinstimmung zwischen innerer Haltung und äußerem Erscheinungsbild gegeben sein soll. Im Prinzip kann man davon ausgehen, dass die Tendenz, mehr zu scheinen als zu sein, eher gegeben ist als umgekehrt.


Auch heute ist für den geübten Blick erkennbar, wann eine Fassade mehr verspricht, als der Inhalt vermag herzugeben. Aber für den schnellen Besucher und für den flüchtigen Blick ist es eine Verführung. Aber über kurz oder lang merkt auch der Dümmste, wenn der Bogen überspannt wurde, weil die Atmosphäre nicht stimmt und emotional zur Wirkung kommt. So sind die besten Vorsätze der Theaterregisseure (Architekten) zum Misserfolg verdammt, wenn sie nur auf Effekthascherei aus sind.


Die Fassade als Screen kann u.U. mit den den Tempelwänden von Khajuraho, die als steinernes Bilderbuch fungierten, vergleichen werden. Ähnlich wie der Bilderfries des griechischen Tempels werden die Gebäudehüllen wieder informationell verziert. Die Gebäudehaut hat sich inhaltlich von der architektonischen Konstruktion gelöst. Sie ist zum eigenständigen, flexiblen Medium geworden.


Abgesehen von einem kurzen Auftritt während der Postmoderne haben Ironie, Witz oder spielerische Elemente kaum Platz in der ernsthaften Welt des Bauens. In den Niederlanden sieht man bekanntlich einiges gelassener und geht weit unbefangener mit verstecktem Witz um.


Wünschenswert wäre zum Beispiel eine Architektur, die ein Lachen, ein Schmunzeln erzeugt, nicht unbedingt quadratisch und praktisch, eher wie aus einem Märchenbuch. Man kann sich inspirieren lassen von griechischen Tempeln, asiatischen Pagoden, venizianischen Palazzi und von Astrid Lindgreens Pippi Langstrumpf. Fassaden unter solchen Aspekten gestaltet, vertreiben automatisch schlechte Laune, hier eilt man nicht, sondern entspannt sich eher. Um der zunehmenden Schnelligkeit zu entkommen, wäre eine entschleunigende Wirkung willkommen. Lieber arabische Märchenbauten als dei Formen des modernen Städtebaus, den Wohnbunkern, Fabrikmonstern und Massenabfertigungsstätten, die meist Lustlosigkeit dokumentieren.


Wir brauchen eine Poetisierung der Fassaden, bewussten Stilbruch à la Hundertwasser. Der Palias Ideal des Briefträgers Cevall in Frankreich wäre ein Beispiel ud ist heute ein monument historique.

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